Linux Desktops

Die Aussage, dass ein bestimmtes Jahr das Jahr für Linux auf dem Desktop wird, ist schon lange ein running gag. Warum wird einem klar, wenn man sich durch die Desktops testet.

Seit ich das letzte Mal ernsthaft Zeit vor einer Linuxkiste verbracht habe, bei der das GUI mehr tun sollte als einfach drei oder vier Terminalfenster gleichzeitig anzuzeigen, sind einige Jahre vergangen. Ich habe also keine Ahnung mehr, was der allgemeine Stand der Dinge ist. Meine Ansprüche sind aber auch wenig spezifisch und ich glaube relativ gering. Im Kern brauche ich Alt+Tab, eine Möglichkeit Programme möglichst ohne Einsatz der Maus zu starten und idealerweise noch eine schnelle Möglichkeit, das Tastaturlayout zwischen Deutsch und US-Englisch umzuschalten. Dazu kommen noch ein paar nichtfunktionale Aspekte. Wenn es nicht total scheiße aussieht wäre das toll und auch Schriften sollten halbwegs lesbar sein. Und ich möchte möglichst wenig Zeit mit Konfiguration verbringen müssen.

An Windows habe ich mich lange gewöhnt. OS X war ein relativ schmerzfreier Umstieg, es musste nur ein Tastaturkürzel für das Tastaturlayout her. Der erste Versuch war, weil derzeit scheinbar in aller Munde, Linux mint mit MATE. Das Startmenü ist sicher eine tolle Sache für Freunde von Windows XP, war aber direkt ein Grund für mich MATE auszusortieren. Tippt man auf die Windowstaste und beginnt zu tippen, dann landet auf dem Livesystem die Hälfte der Eingaben noch im Terminal. Selbst installiert auf einer SSD gehen noch Eingaben auf diesem Weg verloren. Grauenhaft, damit kann ich nicht leben. Dass dazu die Suchergebnisse gelöscht werden, wenn man über irgend ein Element im Startmenü mit der Maus kommt, macht es auch nicht besser. Vor allem, weil ein „Enter“ nicht das oberste Element der Suchergebnisse ausführt.

Nächster Versuch. KDE Plasma soll total cool sein. Also wurde kurzerhand Fedora 22 mit KDE ausprobiert. Total cool: Gibt man in Konqeror statt einer Adresse einen Suchbegriff in die Adresszeile ein, dann gibt es die Meldung, dass die Seite nicht gefunden werden konnte, anstatt einer automatischen Suche. Den Sympathiebonus dafür hat dann aber die Schriftgröße verspielt. Ich habe mittlerweile Auflöung und Platz genug, um keine Minischriften zu brauchen – und sitze weit genug weg, um keine Minischriften zu wollen. Ein kurzer Abstecher zu Google brachte mir den Eindruck, dass das mit KDE eine Ecke Arbeit bedeutet. Naja, mal schauen was es sonst noch gibt. Ich merke mir KDE mal, wenn ich wieder ein Laptop brauche. Da wäre das toll, weil Platz auf Laptopbildschirmen immer knapp ist.

Cinnamon hat ja auch viele Fans. Ob mit oder ohne NVidia Treiber, bei mir wollte das Ding nie mehr machen, als mir eine devot entschuldigende Meldung darüber auf den Schirm zu zaubern, dass es gerade abgestürzt ist. Schade, weiter.

Unity gibt es als verbreitete und ordentlich unterstützte Desktopoption so weit ich sehen konnte nur mit Ubuntu. Und ohne Angabe oder Existenz sachlicher Gründe mag ich Unity nicht. Nächster!

Fedora mit Gnome 3 war eigentlich der Grund, warum ich mich auf die Suche nach Alternativen gemacht hatte. Alt+Tab gruppiert Terminals und macht es damit zu einem ziemlichen Krampf, wenn man ein bestimmtes auswählen will. Dazu kommt, dass Windowstaste und dann tippen zwar super funktioniert, aber beim zweiten Mal kein neues Terminal aufmacht sondern nur den Fokus wieder auf das alte Terminal schiebt. Nachdem ich aber über das „gnome tweak tool“ gestolpert war, habe ich einen Blick gewagt. Zu meiner Freude kann man mit je einem Mausklick genau diese Dinge ändern. Halleluja!

Tja, so bin ich am Ende bei Fedora 22 mit Gnome 3 gelandet und halbwegs zufrieden. Aber auch hier sieht man natürlich ein paar ungeschliffene Kanten. Eine davon ist die obere Leiste, das einzig dauerhaft sichtbare Element des Desktops. Die kleinen Dinge, wie Uhrzeit, Netzwerksymbol, Lautstärkeregelung, Eingabesprache und dem universellen Ausschaltsymbol sind dort ja gut aufgehoben. Aber anstatt die verbleibenden 3900 Pixel für irgend etwas Sinnvolles zu nutzen, gibt es nur einen Eintrag für das aktuell aufgewählte Fenster und mit „Anwendungen“ ein Menü fragwürdiger Nützlichkeit. Schubst man die Maus in die linke untere Ecke, sollte eigentlich irgend ein Menü mit Symbolen ausfahren. Wofür das gut sein soll weiß ich nicht, aber anstatt auszufahren zittert es halb ausgefahren vor sich hin.

Was solls. Die Dinge, die mich interessieren, funktionieren. Man versteht aber nach so einem Ausflug nicht nur abstrakt, sondern auch sehr konkret, warum sich Linux als Desktop OS nicht so recht durchsetzen will.

4 thoughts on “Linux Desktops

  1. Ja, diese Desktop-Debatte ist irgendwie sehr faszinierend für mich. Die selben Leute, die sich bei jeder neuen DE-Version (ob Windows, KDE, Gnome, WTF usw) wochenlang breit über irgendwelche Änderungen echauffieren, die Ihren Heiligen Workflow unwiederbringlich zerstört, kaufen sich alle 18 Monate einen neuen Taschenpeilsender, komplett mit neuem OS, das in der Usability meist nur grob an das vorige System angelehnt ist (Du siehst, dass ich damit nicht Dich meine…).

    Um den Prozess der vollständigen Verblödung wenigstens ein winziges Bisserl zu bremsen, wechsle ich auf meinem Notebook relativ häufig das DE (KDE4, Xfce, LXDE, razor-qt, e17, lxqt, Plasma5) und stelle fest, dass alle weitestgehend funktionieren und ich nach durchschnittlich drei Tagen mit allen gleich schlecht zurecht komme. Und – ja – im Extremfall würde das wohl sogar für Windows gelten, auch wenn ich inzwischen sehr froh bin, dass ich die Win-8,1 Installation auf meinem Notebook ganz ohne mein Zutun irreparabel zerschossen hat. Damit wollte ich – trotz Touchscreen – jetzt wirklich nicht warm werden.

    Inzwischen aber rate ich niemandem mehr zu Linux – einfach, weil es da für mich absolut nichts zu gewinnen gibt und meine Familie eh schon lange umgestellt ist.

    Also – nur weiter so. Je mehr Leute bei Windows (und von mir aus MacOS) bleiben, umso weniger muss ich mir sorgen machen, dass unsere Linux-only-Bude im G’schäft von rotzdepperten Skriptkiddies mit Malware überschwemmt wird.

  2. Die Frage ist ja auch, ob die lauten Nörgler irgendetwas außer nörgeln tun. Bei Desktops und SystemD habe ich jeweils den Eindruck, dass das meiste von lauten Schreihälsen kommt, die um des Streitens willen mitmischen. Vermutlich in vielen Fällen der gehaltvollste Beitrag der ihnen bleibt, obwohl man gerade zu SystemD sehr viel sagen könnte…

    Ich lese ansonsten eine relativ dogmatisch klingende Abneigung gegen Windows heraus und ich glaube ja fast ein bisschen Verbittertheit…
    Zugegebenermaßen war der Gedanke, dass mit der steigenden Verbreitung OS X nicht mehr lange von Malware verschont bleiben wird, aber auch etwas, das mir durch den Kopf ging.

    P.S.: Die Frage nach Deinem letzen Kommentar danach, was Du für E-Mail nutzt, war durchaus nich rhetorisch.

  3. Dann will ich Deine Geduld nicht länger strapazieren. Ich bin bei Thunderbird hängen geblieben, weil ich mit ein paar Addons dessen wildeste Unbillen am ehesten umschiffen kann. TB ist inzwischen ein ziemliches Scheissprogramm, aber von Bat über Claws bis Mailpile haben mich die Alternativen auch nicht mehr überzeugt.

    Der Mailclient ist allerdings eh immer weniger relevant, weil man einen zunehmenden Teil der Kommunikation über das Smartassphone und vergleichbare Spielzeuge abwickelt. Bei uns läuft zentral Horde Groupware und da haben wir mit ein paar eigenen Patches den Kalender und auch den Mailclient so weit gepimpt, dass man auch damit arbeiten kann. Insbesondere ist es eines der wenigen Webmailsysteme, das eine – hm – halbwegs glaubwürdige GPG-Integration bietet und das brauche ich beispielsweise, wenn ich unterwegs bin und auf meinem Tablet Mails lesen will. Denn einem „smart“-Gerät (OS egal) werde ich meinen privaten Schlüssel sicher nicht anvertrauen…

    Und was Windows betrifft: Da ist keine Verbitterung gegen das System, nur zunehmende Unkenntnis. Verbiuttert bin ich nur gegenüber den immer mal wieder auftauchenden Idioten, die mir nach drei Sätzen zu jedem beliebigen Thema erklären: „Selbst schuld, mit einem ordentlichen Windows geht sowas in 15 Sekunden out of the box“.

    Ich missioniere nicht mehr, auf dass auch ich nicht mehr missioniert werde…

  4. Danke! Thunderbird habe ich mir das letzte Mal vor ein paar Jahren angeschaut und war wenig begeistert – wie Du bei Evolution. Ich glaube ich versuche mein Glück mal vorerst mit Evolution. Grundsätzlich abrufen kann das Ding IMAP zumindest und das sind schon gut 98% dessen, was es tun muss.

    Horde sieht interessant aus. Eigentlich mag ich browserbasiertes Zeug überhaupt nicht, aber der Kram funktioniert so ziemlich überall. Das merke ich mir mal im Hinterkopf. Oder ich steige komplett auf Emacs org-mode um…
    Die Bedenken einem Smartphone ernsthafte private Schlüssel anzuvertrauen teile ich durchaus, und das obwohl ich keinen Kunden aus dem militärischen Bereich habe. Dummerweise vertraue ich diesbezüglich immer weniger Dingen und glaube mehr und mehr, das Stallmann kein irrer Hippie war, sondern durchaus richtig lag.

    Ohh, Typen die einem erzählen wollen, wie viel besser ihr Lieblingsprodukt ist. Die habe ich von Herzen gern. Mir sind da bisher vor allem Applefans aufgefallen, die zwar nicht einmal wissen, dass OS X ein Terminal hat, aber trotzdem überzeugt davon sind, dass dort alles besser ist. Noch besser finde ich es übrigens wenn dir solche Typen erklären, dass man irgendetwas nicht braucht, was sie schon konzeptuell nicht verstehen. Wenn Dir da ein wenig Galle hochkommt kann ich das sehr gut verstehen.

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